Wirtschaftsverband Chemie Pharma Life Sciences

Publikationen - Point-Newsletter

Point «Aktuelle Biotechnologie» Juni 2026 (Nr. 288)

  • Innovationsfreundliche EU-Regeln für Pflanzen - wo bleibt die Schweiz?
  • Gentech-Bakterien produzieren Bioplastik aus Kartoffelstärke 
  • Multiplex-Genomeditierung für gesundheitsfördernde Tomaten
  • Genetisch veränderte Parasiten als Biofabriken für medizinische Wirkstoffe 

(Anmeldung Newsletter)

30.06.2026

Neue Züchtungsverfahren: Innovationsfreundliche EU-Regeln für Pflanzen - wo bleibt die Schweiz?

Nach drei Jahren intensiver Diskussionen zwischen den politischen Akteuren hat das Europäische Parlament am 17. Juni 2026 praxistaugliche Regeln verabschiedet, um in der EU den Anbau und die Verwendung genomeditierter Pflanzen mit geringfügigen genetischen Veränderungen (NGT-1) zu ermöglichen. Diese Pflanzen gelten als vergleichbar zu herkömmlich gezüchteten Sorten und werden daher auch vergleichbar reguliert. Ein zusätzliches Bewilligungsverfahren, das über die bestehende strenge Sortenprüfung hinausgeht, ist daher nicht erforderlich, ebenso wenig eine Kennzeichnung der Endprodukte.
 
Berichterstatterin Jessica Polfjärd (EVP, Schweden) erklärte nach der Abstimmung: «Dies ist ein historischer Sieg für die europäischen Landwirtinnen und Landwirte und die Zukunft Europas. Mit der Genehmigung des Einsatzes neuer genomischen Techniken haben wir uns für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Ernährungssicherheit entschieden». 

In der Schweiz wartet das Parlament dagegen weiterhin auf einen praxistauglichen Gesetzesrahmen für neue Züchtungsverfahren. Eine restriktive Insellösung war im Sommer 2025 bei der Vernehmlassung durchgefallen. Die Mehrheit der Stellungnahmen forderte eine EU-kompatible Lösung. Für die Lebensmittelschutz-Volksinitiative, die ebenfalls restriktive Regeln für neue Züchtungsverfahren fordert, fand sich bei der Unterschriftensammlung zu wenig Unterstützung, die Initiative ist nicht zustande gekommen.    (mehr…

Nachwachsende Rohstoffe: Gentechnisch modifizierte Bakterien produzieren Bioplastik aus Kartoffelstärke

Immer noch werden Kunststoffe vor allem aus fossilen Rohstoffen hergestellt und tragen so zur Klimaerwärmung bei. Biomasse enthält Kohlenstoff, der zuvor der Atmosphäre entzogen wurde – ihre Nutzung als erneuerbarer Rohstoff, zum Beispiel für die Produktion von Bio-Kunststoffen, ist daher deutlich klimafreundlicher. Ausserdem leisten biologisch abbaubare Kunststoffe einen Beitrag zur Reduktion der nachteiligen Auswirkungen von Kunststoff-Abfällen in der Umwelt. So können zwei Nachhaltigkeitsziele zugleich erreicht werden. 

Polyhydroxybuttersäure (PHB) ist ein natürlich vorkommender Polyester, der von Mikroorganismen als Speichersubstanz verwendet wird. Der Bio-Kunststoff PHB ist auch biologisch abbaubar. Ein Forschungsteam von der Universität Barcelona beschreibt jetzt, wie die in der Biotechnologie verbreitet eingesetzten Bacillus subtilis Bakterien genetisch umprogrammiert werden können, um durch Fermentation mit preiswerter Industrie-Kartoffelstärke PHB-Kunststoff in hoher Ausbeute herzustellen.

Durch gezielten Einbau von fünf Stoffwechselgenen aus anderen Mikroorganismen in das Erbgut von B. subtilis erhalten die Bakterien die Fähigkeit, Stärke zu spalten und aufzunehmen, daraus PHB zu produzieren und dieses effizient in ihren Zellen abzulagern. So können sie etwa die Hälfte ihres Eigengewichts an PHB anreichern. Der Bio-Kunstoff kann anschliessend aus den Bakterien extrahiert werden. Durch weitere genetische Anpassungen sollten die Bakterien auch andere Biomassen und Nebenströme als Ausgangsstoff verwerten und Kunststoffe mit verschiedenen Eigenschaften als Alternative zu erdölbasierten Kunststoffen produzieren können.  (mehr…

Biofortifikation: Multiplex-Genomeditierung für gesundheitsfördernde Tomaten

Obwohl die Kalorienversorgung der Weltbevölkerung immer besser wird, leiden über 2 Milliarden Menschen an «verstecktem Hunger» durch Mangel an lebenswichtigen Mikronährstoffen, wie Vitaminen und Spurennährstoffen. Hier ist die Biofortifikation, die biologische Anreicherung von Lebensmitteln mit den mangelnden Nährstoffen, ein vielversprechender Ansatz. 

Chinesische Forschende haben jetzt mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas9 fünf Stoffwechselgene in Tomaten so verändert, dass der Gehalt von gleich sieben gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen in den Früchten deutlich ansteigt. Dazu gehören die Vitamine C, D, verschiedene wertvolle Karotinoide sowie GABA. Die genetischen Veränderungen hatten keine nachteiligen Auswirkungen auf das Wachstum der Pflanzen.

Die Forschenden konnten zeigen, dass Extrakte aus den genomeditierten Tomatenfrüchten im Reagenzglas die Vermehrung von Krebszellen und in Tierversuchen das Wachstum von Tumoren in Mäusen bremsen konnten. Das sind Hinweise darauf, dass die mehrfach angereicherten Tomaten auch für die menschlichen Ernährung gesundheitsfördernde Eigenschaften haben könnten. Durch den hier beschriebenen Multiplex-Genomeditierungsansatz kann innerhalb kurzer Zeit der Gehalt wertvoller Pflanzeninhaltsstoffe in Lebensmitteln gesteigert werden.   (mehr…)

Medizin: Genetisch veränderte Parasiten als Biofabriken für medizinische Wirkstoffe 

Immer mehr pharmazeutische Wirkstoffe, zum Beispiel monoklonale Antikörper, werden biotechnologisch in Zellkulturen hergestellt. Die Medikamente müssen in der Regel durch wiederholte Injektion oder Transfusion, oft über einen längeren Zeitraum, verabreicht werden. Ein internationales Forschungsteam hat jetzt einen neuartigen Behandlungsansatz vorgeschlagen: die Wirkstoffproduktion direkt im Körper nach Infektion mit gentechnisch veränderten parasitischen Hakenwürmern.

Der Ansatz klingt zunächst überraschend, ist aber gut durchdacht. Hakenwürmer haben sich so an ihre Wirte angepasst, dass sie nach Infektion jahrelang im Dünndarm überleben können. Vermehren können sie sich dort nicht, und Infektionen mit einer kleinen Zahl von Würmern verursachen in der Regel keine Symptome. Die Idee der Forschenden: die Hakenwürmer gentechnisch so zu verändern, dass sie über einen langen Zeitraum als Biofabriken therapeutische Wirkstoffe ausscheiden, die dann im Wirt aktiv werden.

Als Machbarkeitsstudie pflanzten sie Hakenwürmern ein Gen für einen Antikörper gegen ein Toxin ein und infizierten Goldhamster mit den transgenen Parasiten. Tatsächlich konnten sie die Antikörper im Serum der Tiere nachweisen, in einer Konzentration, welche das Toxin teilweise neutralisieren konnte. Es ist noch ein weiter Weg von diesen ersten Experimenten bis zu einer möglichen Therapie für Menschen. Das Hakenwurm-System hat aber das Potenzial, nach einer einmaligen kontrollierten Infektion über einen langen Zeitraum eine gleichmässige Versorgung mit verschiedenen therapeutischen Eiweissen zu ermöglichen.   (mehr…)

Vollständige PDF Version Point «Aktuelle Biotechnologie» Juni 2026 (Nr. 288) mit Quellenangaben

Text und Redaktion: Jan Lucht, Leiter Biotechnologie (jan.lucht@scienceindustries.ch)


Schliessen

Newsletter anmelden

scienceindustries News
Standpunkte
Point-Newsletter