Dossiers - Zollpolitik und Freihandel
US Zollpolitik und Auswirkungen auf die Chemie- und Pharmaindustrie
13.02.2026
Die USA sind der wichtigste Exportmarkt für die Schweizer Industrien Chemie, Pharma und Life Sciences. Der erfolgreiche Abschluss der Verhandlungen mit den USA ist für den Wirtschaftsstandort Schweiz essenziell. Ein Rückschritt zum Zustand vor dem 14. November 2025 ist keine Option. Obwohl Industrien Chemie Pharma Life Sciences gemessen an ihren Gesamtexporten in die USA weniger stark von den reziproken US-Zöllen betroffen war als andere Industriesektoren, waren die zusätzlichen Zölle für die betroffenen Unternehmen dennoch kritisch.
Die USA sind für unsere Mitglieder der chemisch-pharmazeutischen Industrie die wichtigste Exportdestination. Sowohl bei den Exporten (67 Prozent an Gesamtausfuhren, ohne Gold) in die USA wie auch bei den Importen (42.3 Prozent an den Gesamteinfuhren, ohne Gold) aus den USA belegen die Produkte der chemisch-pharmazeutischen Industrie im Warenhandel Rang 1. Im Jahr 2025 trugen pharmazeutische Grundstoffe und pharmazeutische Spezialitäten/sonstige Erzeugnisse 94.7 Prozent der Gesamtausfuhren unserer Industrien in die USA bei, während sonstige organische Grundstoffe und Chemikalien 3.7 Prozent ausmachten. Über 98 Prozent der Warenausfuhren waren von den reziproken Zöllen der USA befreit.
Erfolgreicher Verhandlungsabschluss ist ohne Alternative
Ein erfolgreicher Abschluss der Zollverhandlungen zwischen der Schweiz und den USA ist für die Schweizer Chemie-, Pharma- und Life Sciences-Industrien von herausragender strategischer Bedeutung. Die Vereinigten Staaten sind einer der wichtigsten Handelspartner dieser Schlüsselbranchen — als Absatzmarkt, Innovationsmotor und Investitionsstandort. Offene und verlässliche Handelsbedingungen sind deshalb kein Detail der Wirtschaftspolitik, sondern eine zentrale Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung und hochwertige Arbeitsplätze in der Schweiz.
Gerade in hochspezialisierten Industrien mit global verflochtenen Lieferketten wirken sich Zollhürden und regulatorische Reibungsverluste unmittelbar auf Produktionskosten, Marktzugang und Investitionsentscheidungen aus. Ein modernes und ambitioniertes Verhandlungsergebnis würde Handelshemmnisse abbauen, administrative Prozesse vereinfachen und die Zusammenarbeit entlang transatlantischer Wertschöpfungsketten stärken. Dies erhöht nicht nur die Planungssicherheit für Unternehmen, sondern fördert Innovation und Wachstum auf beiden Seiten.
Vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Unsicherheiten gewinnt eine stabile wirtschaftliche Partnerschaft mit den USA zusätzlich an Bedeutung. Ein erfolgreicher Abschluss der Zollverhandlungen wäre ein starkes Signal für offene Märkte, internationale Kooperation und die langfristige Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Schlüsselindustrien. Für die Chemie-, Pharma- und Life Sciences-Branchen ist dieses Ergebnis daher nicht nur wünschenswert — es ist essentiell.
Gefährdung der Medikamentenversorgung durch Zollerhöhungen
Erhöhungen des Basiszolls auf 15 Prozent ist zwar weniger einschneidend als Erhöhungen auf 31 oder 39 Prozent, können je nach Produktart und Geschäftsmodell bereits negative Auswirkungen haben. Besonders kritisch sind Medikamente, deren Wirkstoffe und Ausgangsmaterialien: Steigende Produktionskosten können die Versorgung essenzieller Arzneimittel gefährden. Auch die Preise für Patientinnen und Patienten würden in der Regel deutlich steigen.
Zölle dieser Höhe bedrohen zudem international etablierte Lieferketten. Gerade bei lebenswichtigen Arzneimitteln könnten Unterbrechungen zu ernsthaften Versorgungsengpässen führen. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie entscheidend funktionierende Lieferketten für die Versorgung mit kritischen Medikamenten sind. Die US-Pharmaindustrie ist stark von spezialisierten Zulieferern in der Schweiz und der EU abhängig. Protektionistische Massnahmen dieser Art würden daher nicht nur die Wirtschaft belasten, sondern auch den Zugang von Patienten zu notwendigen Therapien erheblich erschweren und verteuern.
Auswirkungen auf Preise, Verträge und Wettbewerbsfähigkeit
Höhere Zölle könnten Unternehmen dazu veranlassen, Preiserhöhungen für betroffene Produkte in Betracht zu ziehen. Aufgrund von administrierten Preisen ist dies jedoch nicht in jedem Fall möglich. In den Verhandlungen mit internationalen Kunden könnten Preiserhöhungen daher auf Widerstand stossen und nicht immer durchsetzbar sein. Unternehmen mit langfristigen Exportverträgen müssen möglicherweise bestehende Vereinbarungen neu verhandeln, um die gestiegenen Kosten zu kompensieren. Produkte mit Alleinstellungsmerkmalen lassen sich in solchen Fällen in der Regel leichter preislich anpassen als stark standardisierte Produkte mit vielen Wettbewerbern.
Die Schweiz ist ein zentraler Akteur in der pharmazeutischen Industrie. Handelshemmnisse könnten etablierte Lieferketten stören und die Produktionskosten deutlich erhöhen. Dies würde nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Branche beeinträchtigen, sondern auch negative Auswirkungen auf Forschung, Entwicklung und Innovation haben. Am stärksten betroffen wären letztlich die Patientinnen und Patienten, deren Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten gefährdet wäre.
Auswirkungen auf den Produktionsstandort Schweiz
Die USA ist der wichtigste Pharmamarkt. Einige Unternehmen haben Investitionen in den USA angekündigt. Inwieweit sich dies auf den Produktionsstandort Schweiz auswirken wird, lässt sich aktuell nicht abschätzen. Kurzfristig sind keine Auswirkungen zu erwarten, langfristig hängt es davon ab, welche Produkte für welche Märkte in den USA respektive in der Schweiz produziert werden sollen.
Die Schweiz inmitten protektionistischer Massnahmen
Die angekündigten US-Zollerhöhungen bedrohen gezielt etablierte Handelsströme und könnten einen Dominoeffekt internationaler Gegenmassnahmen auslösen. Die EU hat bereits Gegenmassnahmen vorbereitet, China hat sie teilweise umgesetzt. Solche protektionistischen Eingriffe gefährden unmittelbar etablierte Lieferketten und könnten Unternehmen in der Schweiz ebenso treffen wie Tochtergesellschaften und Kunden weltweit. Eine Eskalation, die in einen Handelskrieg münden könnte, darf nicht zugelassen werden. Für die Schweiz ist es daher von zentraler Bedeutung, dass sie von allen möglichen Gegenmassnahmen der EU ausgenommen wird. Erfahrungen mit den EU-Stahlschutzmassnahmen haben gezeigt, wie schnell protektionistische Barrieren Kosten und Wettbewerbsfähigkeit massiv belasten können. Ein enger Dialog mit den zuständigen Behörden ist deshalb unerlässlich – sowohl wirtschaftlich als auch auf aussenpolitischer Ebene.
Die EU ist unser mit Abstand wichtigster Handelspartner: Mehr als die Hälfte unserer Exporte geht in die EU, und über vier Fünftel aller importierten chemisch-pharmazeutischen Produkte stammen von dort. Ein ungehinderter Zugang zum Binnenmarkt ist nicht nur entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Industrie, sondern auch für Forschung, Innovation und die Versorgung von Patientinnen und Patienten. Jede Störung dieses Zugangs würde unmittelbare wirtschaftliche Folgen haben und könnte sogar die öffentliche Zustimmung zu den Bilateralen III gefährden.
Die Botschaft ist klar: Schweizer Unternehmen dürfen nicht zum Spielball internationaler Handelskonflikte werden. Es geht um Lieferketten, Arbeitsplätze, Innovation – und letztlich um die Versorgung der Menschen.
Politik und Verwaltung sind gefordert
Die Schweizer Unternehmen brauchen Planungs- und Rechtssicherheit und gute Rahmenbedingungen, um sich im globalen Wettbewerb behaupten zu können. Dabei sind Faktoren wie die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Arbeitskräfte, Versorgungssicherheit mit erschwinglicher Energie, schlanke Regulierungen sowie deren pragmatische Umsetzung und eine gute Anbindung an alle Schlüsselmärkte, von zentraler Bedeutung.
Die Schweiz muss die steuerliche Planbarkeit sicherstellen, Innovationen auch im Inland honorieren und damit rasch verfügbar machen sowie eine visionäre Strategie für gute Rahmenbedingungen in Bereichen mit hohem Innovationspotenzial entwickeln.
Die zunehmende Regulierungsdichte und hohe Energiekosten in der Schweiz sind Herausforderungen für Unternehmen. Dementsprechend gilt es, auf unnötige Regulierungen und zusätzliche finanzielle Belastungen für Unternehmen zu verzichten – Vorlagen, welche die Schweizer Unternehmen potenziell zusätzlich belasten könnten, müssen einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Auf Technologieverbote gilt es zu verzichten, um die Position der Schweiz als führender Innovationsstandort zu erhalten.
Aus Sicht von scienceindustries sollten Wirtschaft und Politik gemeinsam Massnahmen ergreifen, um die Wettbewerbsfähigkeit und die Standortattraktivität der Schweiz zu sichern und zu stärken:
- Politisch gilt es, Handelshemmnisse konsequent abzubauen, keine die Unternehmen belastenden neuen Regulierungen einzuführen und die Stabilität der Beziehungen zur EU durch Weiterführung der Bilateralen III sowie zu wichtigen globalen Handelspartnern zu sichern. Ein klares politisches Bekenntnis zu offenen Märkten und WTO-konformem Freihandel ist entscheidend.
- Wirtschaftlich empfehlen wir Unternehmen, die Diversifizierung von Absatz- und Beschaffungsmärkten sowie die Resilienz der Lieferketten gezielt zu verbessern und verstärkt auf Innovation, Digitalisierung sowie Effizienzsteigerungen zu setzen.
scienceindustries setzt sich daher dafür ein, dass die Schweiz weiterhin entschieden für offene Märkte, stabile internationale Handelsregeln und konstruktiven Dialog auf allen Ebenen eintritt.