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Publikationen - «Carte Blanche» Gastbeiträge

Nicole Koch, Geschäftsführerin aprentas

Künstliche Intelligenz verändert Arbeitsprozesse in rasantem Tempo, gerade in innovativen Industrien. Für die Berufsbildung stellt sich damit eine zentrale Frage: Wie kann ein bewährtes System stabil bleiben und gleichzeitig flexibel genug werden, um mit den technologischen Entwicklungen Schritt zu halten?

24.03.2026

Die Arbeitswelt hat sich schon immer verändert. Neu ist heute weniger der Wandel selbst als vielmehr sein Tempo. Digitale Technologien und insbesondere künstliche Intelligenz beschleunigen Veränderungen in vielen Branchen erheblich.

Stabil und agil

Die Schweizer Berufsbildung gilt international als Erfolgsmodell und als wichtiger Standortvorteil. Sie basiert auf stabilen Strukturen: Rund 250 klar definierte Berufe bilden ihr Fundament, Reformen werden gemeinsam von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt getragen und regelmässig überprüft. Diese Stabilität schafft Vertrauen und Planungssicherheit. Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt heute teilweise schneller, als Ausbildungsordnungen angepasst werden können. Es braucht deshalb eine Systemanpassung.

Ein mehrstufiges System könnte ein Lösungsansatz sein: stabile berufsübergreifende Grundqualifikationen als Fundament der Ausbildung, ergänzt durch flexiblere Module oder Zusatzqualifikationen. An diesen könnte dann die berufliche Weiterbildung anknüpfen. So liesse sich das traditionelle Berufsprinzip weiterentwickeln, ohne es aufzugeben.

Was Fachkräfte im KI-Zeitalter können müssen

Auch wenn KI immer mehr Aufgaben unterstützt, bleibt solides Fachwissen unverzichtbar. Nur wer die fachlichen Grundlagen versteht, kann KI-Ergebnisse richtig einordnen, Fehler erkennen und Resultate kritisch beurteilen. Gleichzeitig stellt sich immer stärker die Frage, welches Wissen dauerhaft unverzichtbar ist – und welche Inhalte an Bedeutung verlieren. Diese Diskussion fällt der Fachwelt nicht immer leicht.

Neben dem Fachwissen sind und bleiben überfachliche Kompetenzen zentral. Die sogenannten 4K – kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation und Kollaboration – prägen die Berufsbildung schon länger. Im KI-Zeitalter verändern sie sich teilweise: Kollaboration bedeutet zunehmend auch Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Gleichzeitig werden neue Fähigkeiten relevant, etwa präzise Prompts zu formulieren oder KI-Antworten kritisch zu hinterfragen. KI einfach nur anzuwenden, reicht nicht.

Und die Basis bilden weiterhin soziale und persönliche Kompetenzen: Zuverlässigkeit, Selbstorganisation, Verantwortungsbewusstsein oder Empathie. In der Praxis zeigt sich immer wieder: Fachkompetenz bringt junge Menschen in den Beruf – Sozialkompetenz hält sie dort.

Lernräume bewusst gestalten

Mit der zunehmenden Automatisierung stellt sich eine weitere Frage: Wie gestalten wir Lernräume so, dass Kompetenzen weiterhin aufgebaut werden? Lernen braucht Zeit – und vor allem Gelegenheiten zum Üben. Kompetenzen entstehen nicht durch Zuschauen oder durch fertige Resultate, sondern durch eigenes Tun, Vergleichen und Hinterfragen.

Gleichzeitig eröffnet KI auch neue Möglichkeiten. Digitale Lernbegleiter könnten Lernende individueller unterstützen und sich stärker an ihrem Wissensstand und Lerntempo orientieren.

Die Kernbotschaft bleibt: Automatisierung spart Zeit – Ausbildung braucht Zeit. Ausbildung bleibt eine Investition. Wenn es gelingt, neue Technologien sinnvoll zu integrieren und gleichzeitig Raum für echtes Lernen zu erhalten, bleibt die Berufsbildung auch im Zeitalter der KI ein entscheidender Erfolgsfaktor für den Wirtschaftsstandort.


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